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Was ich vom Profinetworker darüber lernte, was ich nicht weiß und wovon ich nicht wusste, dass ich es nicht weiß!
Kapitel 1
Ich werde diesen Abend nie vergessen.
An diesem denkwürdigen Abend habe ich den Profinetworker kennen gelernt.
Von diesem Abend an war nichts mehr wie zuvor!
Ich hatte bereits vorher Tuchfühlung mit dem Empfehlungsmarketing aufgenommen. Aber meine Erfolge waren eher bescheiden. Nun ja, um ehrlich zu sein, das ist eine ziemliche Beschönigung - das Ganze erschien mir vier Monate nach meinem Einstieg reichlich absurd.
Nichts gegen die Produkte. Diese waren hervorragend. Darüber gab es auch gar keine Debatte.
Aber ich schaffte es einfach nicht, jemanden dafür zu begeistern.
Anfangs hatte ich mich mit großem Elan in dieses neue Geschäft gestürzt. Ich stecke etwa 30 Stunden die Woche hinein.
Und was konnte ich dafür vorweisen? Wenn es hochkam, gerade mal 200 Euro im Monat.
Spaßeshalber habe ich das einmal auf meinen Stundenverdienst umgerechnet: 200 Euro geteilt durch 180 Monatsstunden - das macht sage und schreibe 1,66 pro Stunde. Natürlich brutto!
Für diese Sache war ich offenbar nicht geschaffen. Aber - wie das Leben so spielt - hier war ich nun auf dieser Veranstaltung. Ich war mir sicher, dass es das letzte Mal sei, dass ich mir so etwas antun würde.
Der Hotelsaal war packend voll.
Mir fiel gleich auf, dass sich eine Traube von Leuten um einen zwar elegant, aber nicht aufdringlich gekleideten Mann scherte. Er trug einen blauen Anzug. Seine Krawatte hatte ein paar weinrote Farbtupfer. Irgendwie strahlte er "Klasse" aus!
Dann tat sich eine Lücke auf. Meine Freundin zerrte mich sogleich in den "inneren Kreis" hinein. Der Profinetworker hörte aufmerksam einer Frau zu als sich unsere Blicke kreuzten. Er blickte mir direkt in die Augen!
Er erschuldigte sich bei der Dame und blickte nochmals zu mir her. Dann streckte er mir die Hand entgegen:
"Herzlich willkommen! Schön, dass Sie gekommen sind!"
Er stellte sich vor und fragte nach meinem Namen. Normalerweise habe ich damit kein Problem. Aber diesmal gelangte ich irgendwie ins Stottern. Mannomann! Ich kam mir vor wie bei einem Rendez-vous!
Ich weiß gar nicht mehr, was er darauf erwiderte. So jedenfalls lernte ich den Profinetworker kennen.
Bevor ich mich versah, erzählte ich ihm von meinem Schlamassel. Er hatte etwas Vertauenseinflössendes an sich. Ich erzählte ihm über meine missglückten Networkererfahrungen - sogar von meinem Privatleben!
Jetzt war es raus!
Ich sagte ihm auch gleich unverblümt, dass dies das letzte Mal sei, dass ich meine Zeit auf einer solchen Veranstaltung vertrödeln würde. Das sei sozusagen mein Abschiedsbesuch.
Er fragte: "Hätten Sie danach ein bisschen Zeit für mich?"
Wie schaffte er es nur, mich so zu entwaffnen? "Ja klar!" platze es aus mir heraus.
Ich kam mir vor wie ein Schuljunge.
Er lächelte.
"Bis später dann! Wir sehen uns nach dem Vortrag!" sagte er - und wandte sich wieder der Dame zu.
Ich setzte mich in die allerletzte Reihe. Das entsprach meiner Komfortzone, dort konnte ich schnell entwischen. Und ich lief nicht so leicht Gefahr, dass man mich in ein Gespräch verwickelte oder auf die Bühne bat.
Nach dem offiziellen Teil der Veranstaltung bildeten sich wieder kleine Grüppchen und der Profinetworker kam auf mich zu.
Wieder lächelte er.
Ich wollte eine lustige Bemerkung machen: "Wissen Sie, wenn Sie Ihr Lächeln verpacken könnten, hätten Sie das ideale Produkt! Sie wären in einem Monat Millionär!"
Das schien ihn zu erheitern. Er lachte so laut, dass sich alle nach ihm umdrehten!
"Danke für den Tipp! Darf ich Ihnen etwas verraten? Mir war nicht immer zum Lachen zumute. Dieses Lächeln habe ich mir selbst angeeignet.
Warum gönnen wir uns nicht ein Täschen Kaffee und plaudern ein bisschen? Was halten Sie von der Hotelbar?"
"Meinetwegen gerne" sagte ich.
"Das klingt ja nicht sehr überzeugend. Wo würden Sie denn jetzt am liebsten hingehen? Ich meine diese Frage ernst! Was wäre Ihre erste Wahl, um etwas zu essen oder zu trinken?"
"Wenn's nach mir ginge, hätte ich am liebsten ein italienisches Restaurant. Aber ich lasse Ihnen gerne den Vortritt".
"Nichts da. Wir gehen zu einem Italiener. Nehmen wir meinen Wagen?"
Ich war froh, dass er dies angeboten hatte. Meine Schrottkiste sah ohnedies aus als sei sie bereits 200 Jahre alt.
Ich stellte mir, dass der Profinetworker irgend einen exotischen Schlitten fahren würde. Ich hatte keine genaue Vorstellung, aber einen teueren Wagen hatte der bestimmt.
Als wir zur Hotelgarage kamen und vor einem stinknormalen Kastenwagen stehen blieben, war ich nun doch etwas überrascht. Überhaupt nichts Auffälliges!
Er muss mir meine Enttäuschung angesehen haben.
"Sie haben wohl etwas anderes erwartet?"
"Allerdings!"
"Was denn?"
"Ich weiß auch nicht, einen Mercedes vielleicht, oder einen Porsche. Vielleicht auch einen Rolls. Irgendwas Edles halt ..."
"Ja", sagte er, "solche Autos habe ich auch. Aber in dieser Gurke fühle ich am wohlsten"
Wir fuhren die Ausfahrtrampe hoch. An der Schranke gab er dem Wärter einen Geldschein. Ich habe mein Leben lang noch keinem Garagenwärter Trinkgeld gegeben. Wie auch, bei meinem Stundenlohn?
Der Profinetworker fragte mir Löcher in den Bauch: Wo ich wohnte - wie mir der Stadtteil gefiel - wo meine Freundin jetzt hingegangen sei - wie ich mit meinen Nachbarn zurecht käme - wie alt das Gebäude sei - ob ich Kinder hätte ...
Bei jemandem anders hätte ich mich ausgefragt gefühlt. Doch ich gab auf alle Fragen brav und getreulich Auskunft.
Diese Dinge schienen ihn wirklich zu interessieren. Das Gespräch verlief ganz normal.
Als wir am Restaurant ankamen, wurden wir von einem Türsteher begrüßt. Er fragte mich, ob wir zum ersten Mal in dieses Restaurant kämen.
Wahrheitsgemäß bestätigte ich dies. Er wünschte uns einen schönen Abend und sagte, dass die Spezialität des Hauses heute abend eine frische Goldbrasse sei. Auch die Cacciatore könne er empfehlen. Ich wusste nicht, was eine "Cacciatore" war, aber ich wollte mich auch nicht blamieren. Später habe ich es im Internet nachgesehen. Jetzt weiß ich, dass es so etwas wie eine Salamiwurst ist. Bestellt habe ich sie damals dennoch nicht, wer weiß, ob das zusammengepaßt hätte?
Wir nahmen Platz. Ich bemerkte: "Ich sehe schon, dass Sie in einer ganz anderen Welt leben als ich."
"Wie kommen Sie da drauf?"
"Na ja, überall werden Sie hofiert und bevorzugt behandelt. Irgendwie scheinen alle Sie zu kennen. Sind Sie vielleicht der Besitzer dieses Lokals oder so?"
Wieder dieses schallende Lachen!
Vielleicht hatte ich etwas Falsches gesagt?
"Sagen Sie mir - was spüren Sie, wenn Sie diese Freundlichkeit bemerken?"
Spüren? Was meint er denn jetzt wieder? Ich war mir nicht sicher.
"Spüren? Wie meinen Sie das"?
"Wie wirkt das auf Sie?" präzisierte er "was liegt in der Luft?"
Ich atmete tief ein. "Ich glaube, ich werde ein wenig neidisch. Aber ich bin auch neugierig. Ich möchte wissen, woher diese ganze Aufmerksamkeit kommt."
Er blickte mich an: "Sagen Sie mir: Wie sähe Ihr Leben aus, wenn Sie könnten wie Sie wollten? Was wäre Ihr Ideal?"
Das war die Einleitung zu einem zweistündigen Gespräch. Na ja "Gespräch" ist vielleicht nicht die treffende Bezeichung dafür. Der Profinetworker beschränkte sich aufs Zuhören und Nachfragen - und ich redete wie ein Wasserfall.
Ich erkannte mich selbst nicht mehr. Ich wusste doch gar nichts über diesen Mann. Vor drei Stunden wusste ich noch nicht einmal etwas von seiner Existenz! Aber er hakte immer wieder nach: "Erzählen Sie mir mehr darüber ...!"
Manchmal wiederhole er meine Aussagen mit seinen Worten, um sicher zu gehen, dass er mich richtig verstanden hatte.
Und die ganze Zeit über formulierte er seine Fragen so, als wäre das, was ich erzählte, eine Tatsache - dabei waren es nur Hypothesen. Ich malte mir einfach nur aus, was ideal wäre.
Ich erzählte zum Beispiel etwas darüber, wie ich bei einer EDV-Firma gearbeitet hatte. Na ja, "EDV-Firma" klingt etwas hochtrabend. Wir waren drei Jungs, die PCs reparierten und Software verkauften. Das war in den Siebzigerjahren, als Computer noch nicht so verbreitet waren.
Der Profinetworker sagte: "Aha. Sie sind also ein Pionier!"
"Ein Pionier?" plapperte ich nach, "Nein, das machte einfach nur Spaß. Wir versuchten halt, eine Lösung zu finden, wenn jemand ein bestimmtes Problem hatte. Begnadete Programmierer waren wir alle nicht, aber irgendwie schafften wir es dann doch immer wieder."
Er: "Haben das damals viele Leute gemacht?"
"Nein" erwiderte ich, "damals war das ja noch Neuland."
"Also sind Sie doch ein Pionier, ein Vorreiter!"
So hatte ich das noch nie gesehen!
"Na gut. Damals war ich das vielleicht" stammelte ich.
"Damals?" erwiderte er "und wie sieht's damit heute aus?"
"Sie haben aber auch eine Art, mich schachmatt zu setzen. Im Grunde bin ich das heute vielleicht auch noch. Aber irgendwie habe ich den Zug verpasst"
Diesmal schwieg er. Ich fühlte mich etwas unwohl in meiner Haut.
Endlich sagte er wieder etwas: "Woran dachten Sie gerade?"
Ich hatte mich wieder gefaßt. "Sehen Sie, Sie stellen mir allerhand Fragen, die völlig neu für mich sind und ich weiß nicht so recht, worauf das hinausläuft. Ich weiß eigentlich überhaupt nicht, was ich davon halten soll!"
Er sagte keinen Ton. Dann lehnte er sich nach vorne, so als wollte er sichergehen, dass ihm kein Wort entginge.
Er hatte eine erwartungsvolle Miene. Er wollt offenbar mehr hören.
"Ich will erfolgreich sein". Ich habe das Gefühl, dass viel mehr in mir steckt, aber ich weiß nicht, wo ich ansetzen soll", sagte ich beschämt. "Ich habe das Allerlei so satt. Immer die selbe Leier. Und kein Licht am Horizont! Ich möchte mit meiner Freundin gepflegt esssen gehen, reisen, Spaß haben, weiterkommen, frei sein. Meine Kreativität entfalten, etwas Sinnvolles tun. Ja, Sie haben recht: Ich würde gerne wieder ein Pionier sein. Wenn ich es recht bedenke, das war eine schöne Zeit damals. So lebendig! Damals haben wir etwas bewegt!"
"Und jetzt?" hakte er nach.
"Was weiß ich? Ich fühlte mich auf einmal so mutlos. Ich höre mir diese positiven Reden an, ziehe mir CDs rein, habe einen Stoß voller DVDs - aber es tut sich nichts. Ich bin für diese Sachen einfach nicht geschaffen. Ich weiß nicht, ob dieses Networking nichts für mich ist oder ob ich nichts für das Networking bin, aber ich komme einfach nicht weiter.
Ich sehe ja, dass es bei einigen anderen funktioniert und ich halte mich für genauso clever. Aber irgend etwas mache ich falsch. Ich habe meine Bekanntenlisten gemacht, ich habe meine Anrufe gemacht - alles für die Katz!"
Er atmete tief durch. "Soll ich Ihnen zeigen, wie Sie es richtig anstellen?"
"Soll das ein Witz sein?" - hauchte ich.
"Nein! Es ist mir total ernst! Wenn Sie wollen, fangen wir morgen an!"
Er gab mir seine Adresse. Wir verabredeten uns für 19.00 Uhr.
Dann zog er etwas aus seiner Jackentasche. "Das ist Ihr Hausaufgabenheft". Lesen Sie es bitte vorher durch! Ganz!"
Er lies sich die Rechnung kommen und bezahlte. Ich bedankte mich für die Einladung.
Dann fuhren wir wieder ins Hotel zurück, weil mein "Wagen" ja noch dort stand.
Auf der Rückfahrt dreht ich den Spieß um. Diesmal fühlte ich mich etwas kühner und stellte ihm ein paar Fragen.
Zuhause war ich gespannt auf mein Hausaufgabenheft. Ich machte das Päckchen auf.
Ich blickte auf den Titel:
Wovon du nicht weißt, dass du es nicht weißt!
Ich machte es auf.
Alle Seiten waren völlig leer! Ich blätterte weiter nach hinten.
Aber es stand kein einziges Wort drin! |
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