|
 Was ich vom Profinetworking darüber lernte, was ich nicht weiß und wovon ich nicht wusste, dass ich es nicht weiß
Kapitel 2
Der nächste Tag wollte einfach nicht vergehen. Noch dazu war es ein Freitag - das ist sowieso immer ein komischer Tag.
Um halb vier hielt ich es nicht mehr aus. Ich ließ das Büro Büro sein und zog die Adresse heraus, die mir der Profinetworker am Vorabend gegeben hatte. Ich brannte darauf zu erfahren, wo er wohnte.
Selbst wenn ich mich verfahren sollte, käme ich viel zu früh. Was soll's? Dann würde ich eben noch etwas lesen, bis es soweit war. Ich könnte ja mein "Hausaufgabenheft" lesen, lächelte ich in mich hinein.
Die Adresse war nicht in der Innenstadt, sondern außerhalb.
Das Wetter war herrlich, ein Bilderbuchtag! Ich ertappte mich sogar dabei, dass ich ein Liedchen anstimmte, während ich durch die Landschaft gondelte.
Ich konnte mir ziemlich gut vorstellen, in welcher Art von Haus dieser Mann lebte. Im Restaurant hatte er mir gesagt, dass es sich am Ende einer Sackgasse befände. Bestimmt war ein großes Grundstück außen herum. Umzäunt natürlich.
Dann fand ich es. Mit Architektur kenne ich mich nicht besonders gut aus, ich konnte nicht sagen, welcher Stil das war. Aber groß war es allemal! Es gab mehrere kleinere Gebäude in der Nähe. Eines davon war eindeutig ein Pferdestall. Das andere - ein Gästehaus vielleicht?
Es war viel grün zu sehen - Bäume, Sträucher, Büsche, Hecken, Blumen, Pflanzen ...
Obwohl nur ein einziger Pferdestall zu sehen war, musste ich an ein Gestüt denken. Kaum hatte ich das gedacht, bemerkte ich auch schon einige Pferde weiter hinten. Schöne schwarze Pferde. Herrliche Tiere! Ich mag Pferde. Früher bin ich selbst einmal geritten, aber dann zweimal gestürzt. Nun, eigentlich mehr als zweimal, aber zweimal ging's wirklich böse aus: Ein Deckplatteneinbruch und ein Schlüsselbeinbruch. Seitdem sehe ich sie mir lieber von weitem an.
Ich stieg aus meiner Rostlaube, aus wenn sie aus der Ferne betrachtet sogar noch ziemlich schnittig aussieht.
Als ich näher kam, rief ich zu einem der Pferde hin. Es hob seinen Kopf, schnaubte und kam sogar auf mich zu!
Jetzt kam ein Reiter auf einem Pferd hinter einem der kleineren Gebäude hervor. Es war der Profinetworker.
"Nessy scheint Sie zu mögen" sagte er, "normalerweise ist sie nicht so zutraulich."
Er stieg ab.
"Ich freue mich, dass Sie gekommen sind! Sie sind aber früh dran." Er warf einen kurzen Blick auf seine Uhr. "Wie geht es Ihnen?"
Ich streckte ihm die Hand entgegen: "Gut! Aber ich bin ein bisschen nervös".
Wieder dieses schallende Lachen, das so typisch war für ihn!
"Danke für Ihre Aufrichtigkeit! Warum sind Sie denn nervös?"
"Ich weiß auch nicht so recht", erwiderte ich "Das ist ja ein wahres Landgut, was Sie da haben! So etwas würde mir auch gefallen."
"Möchten Sie's kaufen?"
"Wie bitte?"
"Ja, ich verkaufe es Ihnen, wenn Sie wollen".
"Ich glaube kaum, dass das in meiner Einkommensklasse liegt", musste ich zugeben.
"Sie wissen doch gar nicht, wieviel ich dafür haben will. Wieso schließen Sie es dann von vorne herein aus?"
"Also gut, sagen Sie's mir!"
"Zwei Millionen! Sind Sie interessiert?"
"Ich glaube, wir wechseln besser das Thema. Sie wissen doch genau, dass ich soviel Geld nicht habe".
Der Profinetworker: "Ja, das weiß ich schon. Ich wollte auch gar nicht wissen, ob Sie zwei Millionen haben, sondern ob Sie das Gut kaufen wollen".
"Ich kann mir einen solchen Betrag nicht einmal vorstellen" - ich fragte mich, welches Spiel er mir tieb - "wie um alles auf der Welt soll ich ihn dann aufbringen?"
"Ja oder Nein?"
"Das ist absolut abwegig"
"Wieso ist das abwegig? Sie sagten mir soeben, dass das die Erfüllung eines Traums für Sie wäre. Ich wollte nicht wissen, ob Sie das entsprechende Kleingeld haben, ich wollte lediglich wissen, ob Sie das Haus kaufen wollen oder nicht!"
"Na ja, so gesehen" stammelte ich "Ja! Ich würde das Haus gerne kaufen!"
Er atmete wieder tief durch. Dann setzte er wieder sein breites Lächeln auf.
"Fällt es Ihnen normalerweise schwer, eine Frage richtig zu beantworten?"
Ich sagte nichts. Ich war kaum angekommen und schon hatte er mich verunsichert. Worauf wollte er hinaus?
"Es gibt keine richtige Antwort", kam es von ihm, so als hätte er meine Gedanken gelesen. "Es gibt nur Ihre Antwort auf die Frage"
Dann herrschte wieder einige Sekunden Stille. Er blickte mich an. Ich vermied, ihn anzublicken.
Er brach das Schweigen: "Ich wünsche mir, dass wir beide uns gegenseitig die Wahrheit sagen. Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, aber bis jetzt hören Sie noch nicht wirklich hin. Sie filtern Ihre Wahrnehmung noch. Was Sie hören, läuft durch einen Filter, in dem jede Menge anderer Gedanken hängen. Stimmt's?"
Woher wusste er das bloß?
"Haben Sie Ihr Hausaufgabenheft gelesen?", wollte er wissen.
Was sollte darauf bloß antworten?
"Ja oder Nein?"
"Ja" sagte ich.
"Und was halten Sie davon?"
"Ich weiß nicht ..."
"Prima!" rief er aus.
"Gehen wir ins Haus und erzählen Sie mir, was Sie daraus gelernt haben!"
Was für eine groteske Situation. Ich wusste wirklich nicht, was hier vor sich ging.
'Bin gespannt, was da noch alles auf mich zukommt', dachte ich mir ... |

|
|
|